Torhausgespräche 2016
(Rems-Zeitung, 07.12.2016)
Über Geschichte und von Geschichten
Schülerinnen des Rosenstein-Gymnasiums lesen im Torhaus Texte von Vertriebenen
Von Marco Kuhn, Simon Schips und Nico Tese
Wie kann mit der Jugend von heute die Zukunft Europas von morgen beeinflusst werden? Wie kann eine Kultur der Erinnerung gefördert werden? Und ist es uns überhaupt bewusst, was es heißt, seit 70 Jahren Frieden im Zentrum von Europa zu haben? Diese Fragen stellte Zeitzeuge Dr. Kurt Scholze, als er am Vorabend der Vereinsgründung einen kleinen Kreis interessierter Menschen begrüßte, die sich im Gmünder Torhaus zu den „Torhausgesprächen“ eingefunden hatten, um etwas über die Flucht aus dem Osten (hauptsächlich von Tschechien nach Deutschland) in der Nachkriegszeit zu erfahren.
Da sich das Ende der Flucht von Dr. Kurt Scholze am gestrigen Dienstag zum 70. Mal jährte – am 6. Dezember 1946 kam er am Güterbahnhof in Schwäbisch Gmünd mit 1107 anderen Flüchtlingen an - liegt ihm nicht nur der Austausch mit der jungen Generation am Herzen, sondern auch die Gründung eines Vereins. Die „Brücke nach Osten“, so der Name des zukünftigen Vereins, soll Jugendlichen das Wissen über historische Geschehnisse und persönliche Erlebnisse nach dem 2. Weltkrieg weitergeben. „Wir Zeitzeugen müssen bald die Bühne verlassen“, so Scholze, „deshalb müssen wir einen Verein gründen, um nicht in Vergessenheit zu geraten.“ Erinnerungen eine Stimme geben Gegen das Vergessen haben fünf Schülerinnen der zehnten Klasse des Rosenstein-Gymnasiums Heubach den Erinnerungen der Vertriebenen im Rahmen der Torhausgespräche ihre Stimme gegeben. Im alten Torhaus herrschte eine lockere und entspannte Atmosphäre, in der man gerne zuhörte. „Klein und schnuggelig“ nannte Scholze das Ambiente, der zur Eröffnung des Abends einen Großen der Gmünder Geschichte erwähnte: Den aus Gmünd stammenden Architekten Peter Parler. Scholze hob die große Bedeutung des Baumeisters für die Verbindung mit dem Osten hervor, da er dort viele seiner Bauwerke errichtet hat und leitete damit über zu den persönlichen Geschichten der Menschen aus dem Ostalbkreis. Fast jeder Dritte im Ostalbkreis sei mit dem Osten verbunden, so Scholze. Und wirklich wurde in den folgenden 60 Minuten Geschichte lebendig. So herrschte nachdenkliche Stille, als eine Schülerin über die Vertreibung einer Familie aus der damals für den Handel berühmte Stadt Gablonz berichtete. Als sie von wohlhabenden Bürgern las, die „innerhalb von zwei Stunden ihre Sachen packen mussten“ und plötzlich im Aussiedlungslager Reinowitz und Reichenau „wie Arbeitssklaven verwendet und ausgebeutet wurden“. Eine weitere Schülerlesung behandelte die Flucht der Familie Lange aus Schlesien, die bis 1945 eine „normale“ Durchschnittsfamilie war, bis sich Schlesien im Februar 1945 unter polnischer Herrschaft befand. Langes zogen damals „auf eigene Faust“ gen Westen. Ihr Ziel, Heubach, erreichten sie Ende Juli desselben Jahres: „Um 12 Uhr waren wir vor dem Haus der Angehörigen. Sie hatten uns tot geglaubt, weil sie fast acht Monate nichts von uns gehört hatten. Sie nahmen uns auf“. Das Schlusswort hatte der Ehrengast der Torhausgespräche, Prof. Dr. Lothar Rother von der PH Gmünd. Unter anderem meinte er, dass es ihn „wirklich begeistert, was hier gemacht wird.“ Er zeigte sich gerührt vom Engagement der Jugendlichen und beendete mit den Worten „ich bin dankbar für das, was ich heute gesehen habe“, den informativen Abend.
Marco Kuhn, Simon Schips und Nico Tese besuchen die Klasse 10c und nehmen am Kooperationsprojekt „Journalismus“ des Rosenstein-Gymnasium und der Rems-Zeitung teil. Die schulische Projektverantwortliche ist Lehrerin Christina Schubert.
***
Schulleiter Miller kommentiert:
Gegen das Vergessen! Heute Abend waren Schülerinnen und Schüler aus Klassenstufe 10 mit StR' Christina Schubert und mir im "Torhaus" in Gmünd und feierten das 70-jährige Jubiläum der Ankunft der Vertriebenen aus Gablonz... Dr. Scholze hatte uns zu einer Lesung eingeladen. Mit dabei war auch Prof. Dr. Lothar Rother. Beeindruckende und tief bewegende Geschichten und Texte wurden von den Schülerinnen vorgetragen. Nur wer unsere Geschichte kennt, ist für die Zukunft gewappnet und läuft nicht linken und rechten "Rattenfängern" und üblen Populisten nach! Nur wer Geschichte kennt, kann Brücken bauen, kann Europa gestalten, hat Zukunft!




